Die Vernichtung der Ersparnisse

Das Zentralbanktreffen in Jackson Hole macht deutlich, wie weit die Pläne für die Abschaffung des Bargelds bereits vorangeschritten sind.

Bargeld erfreut sich in jüngster Zeit immer geringer Beliebtheit. Weniger beim tumben Volk, gerade dem deutschen, das sich einfach nicht von diesen anachronistischen, unhygienischen und Diebe geradezu magisch anziehenden Münzen und Scheinen trennen will, sondern bei den Mächtigen und insbesondere den sogenannten Wirtschaftsexperten.

Die Zahl derer, die mit fadenscheinigen Argumenten gegen das Bargeld schießen, ist groß. Nicht nur Wirtschaftswaisenknaben wie Peter Bofinger, der mit jeder Schrift und Äußerung beweist, dass er den Posten im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (im Volksmund besser als „Rat der Wirtschaftsweisen“ bekannt) nur dank seiner Nähe zu SPD und Gewerkschaften erhalten hat, sehen in dem Bargeld das große Hindernis auf dem Weg zu ewigwährender Prosperität, den sie via Negativzinsen und Kredit für alle aus den Notenpressen der Zentralbanken zu beschreiten gedenken. Kenneth Rogoff, seines Zeichens Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und Harvard-Professor denkt ähnlich, der unvermeidliche Paul Krugman ebenfalls und auch Willem Buiter, ehemaliger Chefvolkswirt der Citigroup sieht es genauso. Auch ein John Cyran, Chef der schwergebeutelten Deutschen Bank, der jüngst laut über ein Zusammengehen mit der (teil)staatlichen Commerzbank sinnierte und so Not und Elend glücklich vereinen will, stößt in das Horn der Bargeldabschaffung. Der einzige, der dessen ebenso laute wie hässliche Töne scheinbar nicht zu hören vermag, ist unser Bundesfinanzminister. Laut eigenem Bekunden kennt er „niemanden in Kontinentaleuropa, der das Bargeld abschaffen möchte“. Man ist erstaunt, wie schlecht vernetzt Wolfgang Schäuble offenbar ist.

Aber wer weiß, vielleicht kennt Wolfgang Schäuble ja Marvin Goodfriend, auch wenn er kein Kontinentaleuropäer ist. Bei selbigem handelt es sich um einen weiteren gut vernetzten Ökonomieprofessor aus den USA, der unter anderem (wie Kenneth Rogoff) in Harvard lehrte, bei der Weltbank und IWF ebenso wie bei der Fed und dem National Bureau of Economic Research als Berater tätig war. Seine Expertise stellt er der EZB, der schwedischen Riksbank und der Schweizer Nationalbank sowie vielen weiteren Zentralbanken zur Verfügung. Der Mann geht also bei den Zentralbanken dieser Welt ein und aus und – Sie ahnen es vermutlich längst und sehen mir deshalb den Kalauer nach – ist keinesfalls ein guter Freund des Bargelds. Anders jedenfalls lässt seinem Thesenpapier, welches er auf dem jüngsten Zentralbanktreffen in Jackson Hole/Wyoming vorstellte, nicht interpretieren.

Das Papier ist aus mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen wird daraus deutlich, dass die Zentralbanken und ihre Experten nach wie vor überhaut nicht begriffen haben, weshalb die Zinsen – trotz der seit 2007 grassierenden Schuldenkrise – so dramatisch gefallen sind. Ja, seine Ausführungen zum „natürlichen Zins“ lassen vermuten, dass Goodfriend noch nicht einmal verstanden, was Zinsen überhaupt sind. In jedem Fall sind selbige nicht gefallen, weil es eine skeptische Erwartungshaltung bezüglich der relativen Entwicklung von zukünftigen und gegenwärtigen Einkommen gibt, wie Goodfriend behauptet. Auch nicht, weil die Inflationsraten so stabil unter zwei Prozent liegen. Dies ist lediglich eine Frage der Berechnungsmethoden. Gingen die Zentralbanken zu der bis in die 1990er Jahren üblichen Berechnung des Inflationsindexes zurück, lägen die Raten wieder über den zwei Prozent. Vermutlich würde es sogar schon ausreichen, die hedonische Preisberechnung zu beenden. Schon gar nicht aber liegt es an einen Überschuss an Sparguthaben, die angelegt werden wollen und so einen Anlagedruck verursachen, der die Zinsen sinken lässt. Die Erklärung für die sinkenden Zinsen ist eine andere und – dies sei zumindest am Rande angemerkt – tatsächlich wären die Zinsen sehr viel höher. In Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und so weiter explodierten die Zinssätze nämlich zu Beginn der Krise (erinnert sich noch jemand?) und auch in Deutschland oder den USA sah man steigende Zinsen.

Doch dann intervenierten die Zentralbanken. Denn steigende Zinsen sind für überschuldete Volkswirtschaften Gift. Wer mit 100% oder noch mehr der Jahreswirtschaftsleistung verschuldet ist, für den kann ein Anstieg von einem Prozentpunkt bereits den Bankrott bedeuten. Wer seinen Haushalt zu 50% mit Schulden finanzieren muss, für den gilt dasselbe.

Den oben genannten Anlagedruck gibt es tatsächlich. Aber er stammt nicht aus Sparguthaben, sondern er stammt aus den Druckerpressen der Zentralbanken. Er wird also künstlich erzeugt. Die eng mit Politik und Konzernen verzahnten Zentralbanken kaufen immer mehr und immer aggressiver Schuldtitel auf. Das gilt für die japanische Notenbank ebenso wie für die EZB, die zwischen 60 und 80 Milliarden Euro jeden Monat in den Markt pumpt und inzwischen den Markt für Euro-Staatsanleihen mehr oder weniger leergekauft hat, weshalb sie nun auch Unternehmensanleihen und in Bälde wohl auch Aktien aufkaufen wird. Sie wandelt damit auf den Spuren der Schweizer Nationalbank, die genau dieselbe Politik verfolgt hat, um eine Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro zu verhindern. So hat die eidgenössische Zentralbank nicht nur ihre Bilanz dramatisch aufgebläht und sich mit Euroanleihen vollgesogen, sie wandelte sich auch zum weltgrößten Hedgefonds und besitzt nun mehr Anteile an Facebook Inc. als dessen Gründer, Mark Zuckerberg. Für die Fed, die wichtigste Zentralbank der Welt, gilt dies sowieso: Sie ist der größter Gläubiger der USA, noch vor China und Japan. So drücken alle die Zinsen nahe Null oder gar in den negativen Bereich.

Neben der völligen Ignoranz gegenüber dieser Tatsache lässt sich an Goodfriends Aufsatz die Hybris der meisten Ökonomen erkennen, die ihre Wissenschaft tatsächlich als Naturwissenschaft anstatt korrekterweise als Sozialwissenschaft begreifen. Goodfriend belegt seine Grundannahmen mit diversen mathematischen Formeln und suggeriert auf diese Art Berechenbarkeit ökonomischer Vorgänge, die so tatsächlich nicht gegeben ist. Zudem wird es für Laien (und meisten politischen Entscheider sind nun einmal in fast jeder Frage Laien) deutlich schwieriger die eigentlichen Aussagen nachzuvollziehen. Zeitgleich aber liebt die Politik so aufgebaute Papiere. Rechtfertigen sie doch Interventionen aller Art in das Marktgeschehen scheinbar wissenschaftlich fundiert. Auch die Selbstreferenzialität, leider allzu häufig anzutreffende Eigenart derartiger „Wissenschaftswerke“, ist bemerkenswert. Goodfriend zitiert die Texte anderer Bargeldfeinde wie Rogoff oder Buiter und so ist es kein Wunder, dass er zu den Ergebnissen kommt, zu denen er kommt. Wenn man sich nicht außerhalb des Ideenhorizonts seines eigenen Kreises bewegt, was eigentlich Ausdruck echter Wissenschaft wäre, muss man zwangsläufig falsche Lösungen anbieten, wenn in diesem Kreis bereits die Ursachen falsch benannt bzw. gar nicht verstanden wurden.

Wirklich bemerkenswert aber ist der letzte, fünfte Abschnitt, der sich mit dem Bargeld auseinandersetzt. Goodfriend sieht – zutreffender Weise – im Bargeld das größte Hindernis für die Umsetzung eines langfristigen und breiten Negativzinssatzes. Er schließt daraus, dass man das Bargeld unbedingt abschaffen muss. Weil sich die Bürger dies aber nicht gefallen lassen werden, müsse man die Attraktivität des Bargelds untergraben, beispielsweise indem man Barabhebungen an Automaten mit hohen Gebühren belegt beziehungsweise die Nutzung von Bargeld insgesamt verteuert und verkompliziert. Anonymität, so fügt er an, könnte künftig über sogenannte currency cards garantieren werden. Die Idee, dass das elektronische Geld auf diesen Karten aber von irgendwoher stammen muss und somit immer irgendwie identifizierbar ist, wer diese Karte nutzt, scheint ihm nicht gekommen zu sein. Es handelt sich letztlich um einen Feigenblattgedanken, mit dem beruhigt beziehungsweise abgelenkt werden soll, wer sich um den Datenschutz sorgt.

Besonders zynisch muss einem der Schlusssatz des Papiers aufstoßen: „Es braucht etwas, sich an die Idee nominal negativer Zinsen zu gewöhnen, aber es sollte durchaus möglich sein, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass eine gewisse Flexibilität in den kurzfristigen Zinsen durchaus ihren Wert hat, wenn dadurch eine größere Arbeitsplatzsicherheit sowie sicherere Altersbezüge bereitgestellt werden.“ („The idea of negative nominal interest rates takes some getting used to, but it should be possible to make the public aware eventually that such flexibility in short term interest rates is well worth it to provide better employment security and more secure lifetime savings.“)

Roland Baader hatte Recht: Wer den Markt verachtet, verhöhnt die Menschen. Nichts anderes macht Goodfriend hier. Er verhöhnt die Menschen. Denn negative Zinsen sichern nicht die Ersparnisse der Bürger, sie vernichten sie. Genau dies ist der Grund, weshalb sie auf breiter Basis implementiert werden sollen: Um die Schuldenberge der Staaten zu reduzieren, die in unserem Schuldgeldsystem (zumindest zu gewissen Teilen) das Pendant zu den Sparguthaben der Bürger darstellen. Die Negativzinsen enteignen die Bürger auf breiter Front und kein Bürger, der einiger Maßen bei Verstand ist, würde sich dies freiwillig gefallen lassen. Deshalb muss man die Bürger zuvor ihrer Freiheit und ihres ökonomischen Selbstbestimmungsrechts in Form des Bargeldes berauben, damit ihnen danach um so leichter das Eigentum und die Lebensarbeitsleistung geraubt werden kann. Das ist der wahre Grund, weshalb das Bargeld abgeschafft werden soll.

Fabian Grummes

(der Artikel erschien zu erst auf eigentümlich frei!)